Etiketten

Folge “Erziehungsratgeber” in Zusammenarbeit mit den Freiburger Nachrichten

Als ich unser Kind letzte Woche in der Kita abholte, sagte die Fachfrau Betreuung zu unserem vierjährigen Sohn: «Schau, dein Vater ist da. Du kannst ihm gleich selbst erzählen, wie wild und unruhig du bist!» Das war ein unangenehmer Moment für mich als Vater, zu hören, dass mein Kind sich nicht angemessen verhalten hat. Ich fühlte die Scham, welche in mir aufkam, die leise zu mir sagte: «Du hast dein Kind nicht richtig erzogen!» Ich fragte mich: Wenn diese Worte bei mir ein Gefühl von Scham auslösten, was fühlte wohl mein Sohn dabei?

Wir Menschen mögen es, Kinder, aber auch Erwachsene, nach unserem eigenen Wertesystem in Schubladen einzuordnen: Dein Kind ist; lieb, böse, wild, laut, frech, schlau ….

Die Frage ist jedoch: Was hört das Kind oder wie fühlt es sich, wenn es hört, wie man über es spricht, gewissermassen eine Etikette befestigt?

Wie entwickeln sich Kinder, die immer wieder hören, wie laut, verträumt oder schüchtern sie sind?

Als Eltern, Grosseltern und Erziehungspersonen sollten wir ein Bewusstsein dafür entwickeln, was und wie wir etwas zueinander oder übereinander sagen. Kinder hören nämlich nicht nur, was wir sagen – sondern vor allem, wer sie laut unserer Worte sind. Solche Alltagsaussagen können das Selbstbild eines Kindes beeinflussen und prägen.

Denn Kinder, die ständig hören, wie schüchtern sie seien, haben es oft schwer, daran etwas zu ändern. «Ich bin so schüchtern, deshalb kann ich nicht auf andere Kinder zugehen und mit ihnen zu spielen.»

Gleichzeitig gibt es Etiketten, die zwar positiv klingen, aber trotzdem schwer zu tragen sind. «Unser Kind ist ein/e Meister/in in Mathematik, im Reiten oder im Volleyball», stellt sich die Frage: Was geschieht mit dem Kind, wenn die Leistung einmal dieser Aussage nicht entspricht?

Eine Alternative zu solchen Etiketten ist es, das Verhalten zu beschreiben, zum Beispiel: «Unser Kind braucht etwas Zeit, bis es sich zu den anderen gesellen kann» oder «Heute war sein Bewegungsdrang besonders gross.»

In vielen Beziehungen wirken Etiketten wie eine Sackgasse; sie verhindern Entwicklungen und Veränderungen. Deshalb sollten wir üben, das Verhalten der Mitmenschen zu beschreiben, statt sie zu beurteilen.

Das braucht etwas Übung, aber das Ergebnis lohnt sich.

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